Kapitel 04
Analytische Philosophie und das Benatar-Argument
Mit David Benatar betritt der Antinatalismus die analytische Philosophie. Was zuvor Klage, Dichtung, Metaphysik und Anthropologie war, wird nun zu einem formalen Argument – eines, das mit der Präzision des logischen Schlusses operiert und das bis heute diskutiert wird.
Benatars zentrales Argument, entwickelt in Better Never to Have Been (2006), lautet: Es gibt eine fundamentale Asymmetrie zwischen den Gütern und Übeln der Existenz im Vergleich zur Nichtexistenz.
Das Argument in seiner formalen Struktur:
(1) Die Abwesenheit von Schmerz ist gut, auch wenn es niemanden gibt, dem diese Abwesenheit zugute kommt.
(2) Die Abwesenheit von Lust ist nicht schlecht, solange es niemanden gibt, dem diese Abwesenheit schadet.
Daraus folgt: Nichtexistenz ist der Existenz vorzuziehen, weil die Nichtexistenz alle Übel vermeidet und kein Gut verpasst.
Benatar behauptet nicht, dass das Leben nicht lebenswert sei. Er behauptet etwas Präziseres: Es wäre besser gewesen, dieses Leben nicht zu beginnen. Das ist ein Unterschied, der in fast jeder populären Debatte über sein Buch verwischt wird.
Die Philosophin Seana Shiffrin entwickelt ein verwandtes, aber unabhängiges Argument. Sie fragt nach der moralischen Struktur der Fortpflanzungsentscheidung selbst. Ihr Argument: Jemandem etwas aufzuerlegen, ohne seine Zustimmung einzuholen, ist grundsätzlich rechtfertigungsbedürftig – auch wenn das Aufgezwungene gut ist.
Die Geburt ist eine aufgezwungene Wohltätigkeit. Und aufgezwungene Wohltätigkeit, so Shiffrin, ist trotzdem ein moralisches Problem.
Ein zentrales Gegenargument kommt von Derek Parfit: das sogenannte Nicht-Identitätsproblem. Wenn jemand nicht geboren worden wäre, gäbe es diese Person nicht – also kann diese Person durch ihre Nichtgeburt keinen Schaden erlitten haben. Denn Schaden setzt voraus, dass jemand schlechter gestellt wird; das nicht-existente Kind lässt sich mit keiner tatsächlichen Existenz vergleichen.
Benatar hat darauf eine spezifische Antwort: Das Nicht-Identitätsproblem zeigt, dass der entstandene Mensch nicht klagen kann, nicht geboren worden zu sein. Es zeigt nicht, dass es für ihn gut war, geboren zu werden. Beides ist verschieden.
Benatars Argument wurde intensiv diskutiert und überwiegend abgelehnt – aber selten widerlegt. Die Kritik richtet sich meistens gegen die Prämissen der Asymmetrie, insbesondere gegen die zweite Prämisse. Kritiker wie David Boonin argumentieren, dass Abwesenheit von Lust sehr wohl schlecht sein kann, auch wenn es niemanden gibt, dem sie fehlt.
Was die akademische Debatte gezeigt hat: Das Argument ist erheblich schwerer zu widerlegen, als die initiale Ablehnung vermuten ließ. Es hat die Geburtsethik als eigenständiges Forschungsfeld etabliert.
Fazit: Benatar hat die antinatale These in eine Form gebracht, die von der analytischen Philosophie nicht ignoriert werden konnte. Ob man ihm zustimmt oder nicht – sein Argument hat das Terrain der Diskussion grundlegend verändert.