Kapitel 05

Warum wir trotzdem zeugen

Evolutionäre, psychologische und kulturelle Mechanismen

Wenn das antinatale Argument philosophisch ernstzunehmen ist – warum hat es so wenig Einfluss auf das tatsächliche Verhalten der Menschen? Diese Frage ist nicht nur rhetorisch. Sie ist ein eigenes philosophisches Problem.

Die Antwort ist mehrschichtig: evolutionär, psychologisch und kulturell.

5.1 Der evolutionäre Imperativ und seine Grenzen

Die grundlegendste Antwort ist evolutionär: Menschen existieren, weil ihre Vorfahren sich fortgepflanzt haben. Das Verlangen zur Reproduktion ist biologisch tief verankert. Es ist keine rationale Entscheidung, sondern ein Trieb, der durch Jahrmillionen natürlicher Selektion geformt wurde.

Aber der evolutionäre Imperativ ist kein Argument für seine moralische Berechtigung. Die Tatsache, dass etwas evolutionär begünstigt wurde, bedeutet nicht, dass es ethisch richtig ist. Aggression, Territorialität, Dominanzstreben sind ebenfalls evolutionär begünstigt.

5.2 Kognitive Biases

Psychologisch wirken mehrere Mechanismen zusammen. Optimism Bias: Menschen überschätzen systematisch die Qualität ihres eigenen zukünftigen Lebens und das ihrer Kinder. Affective Forecasting Error: Menschen sind schlechte Prognostiker ihrer eigenen Gefühlszustände. Sie überschätzen, wie glücklich ein Kind ihr Leben machen wird.

Der Status quo Bias verstärkt dies: Existenz gilt als Default, Nichtexistenz als Ausnahme, obwohl aus der Perspektive des nicht-gezeugten Wesens beides symmetrisch ist.

5.3 Kulturelle Normen

Die Entscheidung zur Fortpflanzung ist kulturell massiv normiert. In den meisten Gesellschaften gilt Elternschaft als selbstverständlich, als Zeichen von Reife, als sinngebende Lebensaufgabe. Kinderlosigkeit bedarf der Rechtfertigung; Elternschaft nicht.

Diese asymmetrische Beweislast ist kulturell erzeugt, nicht logisch begründbar. Sie ist Teil eines Reproduktionsdispositivs, das Gesellschaften entwickeln, um ihre eigene Fortsetzung zu sichern.

5.4 Terrormanagement

Der Psychologe Ernest Becker hat in The Denial of Death (1973) argumentiert, dass ein Großteil des menschlichen Verhaltens durch Todesangst motiviert ist. Kinder sind eine der klassischen Formen der symbolischen Unsterblichkeit: Man lebt weiter in seinen Kindern, in den Enkeln, in der Weitergabe des eigenen Namens, der eigenen Werte.

Die Zeugung von Kindern als Antwort auf die Angst vor dem Tod ist psychologisch plausibel. Moralisch ist sie damit nicht begründet.

5.5 Motive für Elternschaft

Eine ehrliche Untersuchung der Motive für Elternschaft zeigt, dass viele davon elternzentriert sind, nicht kindzentriert: das Verlangen nach Zugehörigkeit, nach sozialer Anerkennung, nach dem Erleben von Liebe und Fürsorge, nach symbolischer Kontinuität. Das sind menschlich verständliche Motive. Sie sind keine moralische Rechtfertigung dafür, ein neues Wesen in eine leidvolle Welt zu bringen.


Das Fazit dieses Kapitels ist nicht, dass Menschen, die Kinder bekommen, böse sind. Es ist, dass die Entscheidung zur Fortpflanzung in einem Netz von Biologie, Psychologie und Kultur eingebettet ist, das sie der rationalen Reflexion weitgehend entzieht – und dass genau das ein Problem ist.

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