Kapitel —

Die Denker

Philosophinnen und Philosophen des antinatalen Denkens

Antinatales Denken ist keine Randerscheinung der Philosophiegeschichte. Es zieht sich durch alle Epochen und Kulturen. Hier die wichtigsten Vertreter, die im Buch behandelt werden.

Theognis von Megara (ca. 570–490 v. Chr.)

Griechischer Elegiker, dessen Verse das Grundmotiv des antinatalen Denkens in der Antike prägnant formulierten: Das Beste für den Menschen sei es, nicht geboren zu sein; das Zweitbeste, so früh wie möglich zu sterben. Dieser Vers wurde über Jahrtausende zitiert und kommentiert.

Sophokles (ca. 497–405 v. Chr.)

Athenischer Tragödiendichter. In Oedipus auf Kolonos lässt er den Chor das antinatale Motiv in einer der berühmtesten Stellen der griechischen Literatur formulieren. Bei Sophokles ist diese Klage keine Randerscheinung, sondern Teil des Kerns seiner Auseinandersetzung mit dem menschlichen Los.

Arthur Schopenhauer (1788–1860)

Schopenhauer ist der erste Philosoph, der antinatales Denken systematisch entwickelt. In Die Welt als Wille und Vorstellung (1819) entwirft er eine Metaphysik, in der die Welt von einem blinden, ziellosen Willen angetrieben wird. Fortpflanzung ist für ihn die stärkste Manifestation dieses leidverursachenden Willens.

Eduard von Hartmann (1842–1906)

Verbindet Schopenhauer mit Hegel zu einer Philosophie des Unbewussten. Hartmanns zentrales Argument: Lust und Schmerz sind nicht symmetrisch – das Leid überwiegt strukturell, weil Wollen immer Mangel ist, und Erfüllung nur kurz lindert, bevor neues Wollen einsetzt.

Julius Bahnsen (1830–1881)

Der dunkelste Vertreter der pessimistischen Schule. Für Bahnsen ist die Welt nicht nur leidvoll, sondern fundamental widersprüchlich: Der Wille richtet sich gegen sich selbst. Das Leiden ist dem Sein selbst eingeschrieben, nicht nur dem menschlichen Erleben.

Peter Wessel Zapffe (1899–1990)

Norwegischer Philosoph und Bergsteiger. Sein Essay Om det Tragiske (1933) entwickelt die These des überschüssigen Bewusstseins: Die Evolution hat ein Bewusstsein hervorgebracht, das zu weit reicht, um glücklich zu sein. Der Mensch ist das einzige Wesen, das mit dem Wissen um seine eigene Sterblichkeit und Bedeutungslosigkeit nicht fertig wird.

Emil Cioran (1911–1995)

Rumänisch-französischer Essayist und Aphoristiker. Vom Nachteil, geboren zu sein (1973) ist sein bekanntestes Werk. Cioran versteht die Geburt als fundamentalen Einbruch in einen Normalzustand der Nichtexistenz. Seine Prosa verbindet philosophische Präzision mit literarischer Schönheit.

Thomas Ligotti (geb. 1953)

Amerikanischer Horrorautor und Philosoph. In The Conspiracy against the Human Race (2010) entwickelt er eine philosophische Theorie, die Zapffe und Cioran explizit aufnimmt. Das Bewusstsein ist für Ligotti nicht nur Wunde, sondern Fluch – und jede Zeugung ist seine Weitergabe.

David Benatar (geb. 1966)

Südafrikanischer Philosoph. Better Never to Have Been: The Harm of Coming into Existence (2006) ist die bislang einflussreichste akademische Formulierung des antinatalen Arguments. Benatars Asymmetrie-Argument hat die Geburtsethik als eigenständiges philosophisches Forschungsfeld etabliert.

Seana Shiffrin

Amerikanische Philosophin, die ein unabhängiges Argument über die moralische Struktur der Fortpflanzungsentscheidung entwickelt. Ihr Konzept der aufgezwungenen Wohltätigkeit zeigt, dass selbst eine gute Gabe ohne Zustimmung moralisch problematisch sein kann.

Christine Overall

Kanadische Philosophin, Autorin von Why Have Children? The Ethical Debate (2012). Overall argumentiert, dass die Entscheidung, keine Kinder zu bekommen, genauso ernst zu nehmen ist wie die Entscheidung, welche zu bekommen. Sie untersucht die gesellschaftliche Asymmetrie, die Elternschaft als Default und Kinderlosigkeit als Ausnahme behandelt.

← Startseite Alle Kapitel Argumente →