Kapitel 03
Antinatales Denken im 20. Jahrhundert
Das 20. Jahrhundert ist das Zeitalter der Katastrophen. Zwei Weltkriege, der Holocaust, der Kalte Krieg – schwer, ein Jahrhundert zu benennen, das die pessimistische Diagnose seiner Vorgänger so vollständig bestätigt hätte.
Und doch ist das nicht der Hauptgrund, warum antinatales Denken in dieser Epoche eine neue Qualität erreicht. Das 20. Jahrhundert überführt die Frage aus der Metaphysik in die Anthropologie. Die Frage ist nicht mehr: Was ist der Wille, und warum führt er zum Leiden? Sondern: Was ist der Mensch, und warum leidet er spezifisch?
Die Antwort, die drei Denker aus sehr verschiedenen kulturellen Kontexten unabhängig voneinander entwickeln, ist so einfach wie verstörend: Das Bewusstsein selbst ist das Problem.
Der norwegische Philosoph und Bergsteiger Zapffe veröffentlicht 1933 seinen Essay Om det Tragiske (Über das Tragische). Seine These: Der Mensch ist ein biologisches Missgeschick. Die Evolution hat ein Bewusstsein hervorgebracht, das zu weit reicht – es reflektiert nicht nur, es reflektiert sich selbst, seine eigene Sterblichkeit, seine eigene Bedeutungslosigkeit.
Dieses überschüssige Bewusstsein ist eine Fehlanpassung. Kein Tier außer dem Menschen weiß, dass es sterben wird. Kein Tier fragt nach dem Sinn. Der Mensch ist das einzige Wesen, das mit dieser Frage nicht fertig wird – und für das das Wissen um die eigene Endlichkeit eine permanente, unheilbare Wunde ist.
Der Mensch ist ein Tier, dem es nicht gelungen ist, sein Bewusstsein auf ein überlebensfähiges Maß zu begrenzen. — Peter Wessel Zapffe
Der rumänisch-französische Essayist Cioran ist vielleicht der radikalste Antinatalisten der Philosophiegeschichte – und gleichzeitig einer der präzisesten Prosaisten. Sein Werk Vom Nachteil, geboren zu sein (1973) ist eine Sammlung von Aphorismen, Reflexionen und Meditationen, deren Grundthema die Geburt als fundamentaler Fehler ist.
Cioran versteht Nichtexistenz nicht als Mangel, sondern als den eigentlichen Normalzustand. Existenz ist der Einbruch in diesen Normalzustand – nicht durch Wahl, sondern durch Gewalt. Die Geburt ist das erste und grundlegende Unrecht, das einem Menschen angetan wird.
Ich habe noch keinen Menschen getroffen, der nicht zutiefst froh gewesen wäre, wenn er hätte nicht geboren werden können. — Emil Cioran, Vom Nachteil, geboren zu sein
Der amerikanische Horrorautor und Philosoph Ligotti entwickelt in seinem Sachbuch The Conspiracy against the Human Race (2010) eine philosophische Theorie, die Zapffe und Cioran explizit aufnimmt und radikalisiert.
Für Ligotti ist das Bewusstsein nicht nur eine Wunde – es ist ein Fluch. Die Fähigkeit zu leiden ist nicht Begleiterscheinung des Bewusstseins, sie ist sein Wesen. Und da dieses Bewusstsein durch Fortpflanzung weitergegeben wird, ist jede Zeugung eine Weitergabe des Fluchs.
Was verbindet diese drei Denker? Trotz völlig verschiedener kultureller Hintergründe und literarischer Formen kommen sie zu strukturell ähnlichen Schlüssen:
1. Das menschliche Bewusstsein erzeugt spezifische Leidformen, die es von allen anderen Lebewesen unterscheiden. 2. Diese Leidformen folgen aus dem Bewusstsein selbst – nicht aus äußeren Umständen. 3. Es gibt keine vollständige Lösung für diese Leidformen, solange das Bewusstsein existiert.
Der wichtigste Beitrag des 20. Jahrhunderts zum antinatalen Denken ist die Verschiebung von der Metaphysik zur Anthropologie. Das Argument lautet nicht mehr: Der Wille ist böse. Es lautet: Der Mensch ist strukturell zur Überforderung verurteilt – und das Bewusstsein, das ihn dazu befähigt, ist gleichzeitig seine Wunde.