Kapitel 02
Philosophischer Pessimismus als Schule
Es gibt Epochen, in denen eine Idee reif wird, weil die intellektuellen Werkzeuge endlich vorhanden sind, um sie systematisch zu entfalten. Das 19. Jahrhundert ist eine solche Epoche. Die Industrialisierung verändert die Lebensbedingungen von Millionen Menschen radikal: Landflucht, Fabrikarbeit, soziale Entwurzelung, Kinderarbeit, Massenverelendung. Gleichzeitig erodiert die religiöse Weltordnung.
Schopenhauer tritt mit einer Antwort auf die Theodizee-Frage an, die niemand hören will: Es gibt keine Rechtfertigung. Das Leid ist nicht Ausnahme, nicht Prüfung, nicht vorübergehend. Es ist das Wesen der Welt selbst.
Sein Hauptwerk, Die Welt als Wille und Vorstellung (1819), entwickelt eine Metaphysik, in der die Welt von einem blinden, ziellosen Willen angetrieben wird. Dieser Wille hat kein Ziel, keine Absicht, keinen Sinn. Er will einfach – und dieses Wollen ist die Quelle allen Leidens.
Das Leben des Menschen ist ein Kampf ums Dasein mit der Gewissheit, besiegt zu werden. — Arthur Schopenhauer
Für Schopenhauer ist die Fortpflanzung die stärkste Äußerung des blinden Willens. Der Mensch, der Kinder zeugt, verlängert das Leiden. Die ethische Konsequenz: Verneinung des Willens – Askese, Enthaltsamkeit, Mitleid als ethische Haltung.
Hartmann systematisiert Schopenhauers Pessimismus weiter. Sein Werk Philosophie des Unbewussten (1869) verbindet Schopenhauer mit Hegel und entwickelt eine umfassende pessimistische Theorie des Unbewussten als metaphysische Kraft.
Für Hartmann überwiegt das Leid die Lust strukturell. Nicht weil einzelne Erfahrungen überwiegend negativ sind, sondern weil die Struktur des Wollens selbst – der Zustand des Begehrens – eine Form des Mangels ist, die durch seine Erfüllung nur kurz gelindert, aber nie aufgehoben wird.
Bahnsen radikalisiert den Pessimismus noch weiter. Für ihn ist das Universum nicht nur leidvoll, sondern zutiefst widersprüchlich. Der Wille richtet sich gegen sich selbst. Nicht nur der Mensch leidet; das Leiden ist dem Sein selbst eingeschrieben.
Bahnsen bleibt die dunkelste Figur der pessimistischen Schule – zu dunkel, um populär zu werden, aber präzise genug, um unbequem zu sein.
Die philosophischen Pessimisten des 19. Jahrhunderts leisten dreierlei: Sie systematisieren die antinatale Intuition, die zuvor nur in Klagen und Dichtung auftrat. Sie säkularisieren sie – die Frage wird von der Theologie gelöst und als philosophisches Problem formuliert. Und sie universalisieren sie: Nicht ein bestimmtes Leben ist leidvoll, sondern das Leben als solches hat eine strukturelle Tendenz zum Leid.
Fazit: Das 19. Jahrhundert ist das erste Jahrhundert, in dem antinatales Denken als philosophische Schule auftritt. Das ist kein Zufall: Es ist das erste Jahrhundert, in dem die traditionellen Legitimationsquellen des Leidens – Religion, teleologische Naturphilosophie – ernsthaft erodieren.